Zwei Jahre später

Heute vor einer Woche fand die WWDC 2026 in Cupertino statt — und Apple verkündete im Prinzip die Funktionen, die sie schon vor zwei Jahren angekündigt hatten. Mehr oder weniger.

So wenig Vorfreude auf eine Keynote hatte ich seit Jahren nicht. Ich ahnte, was kommt — die Gerüchteküche hatte in den vergangenen Wochen ja fleißig gebrodelt. Und dass Apple an das AI-Spektakel von Googles I/O nicht herankommen würde, war ohnehin klar. Ist dann auch so gekommen. Was Google gezeigt hat, ist schlicht interessanter — für Entwickler wie für Endnutzer (was davon am Ende wirklich kommt, sei mal dahingestellt). Apple hingegen hat ausgerechnet auf seiner Entwicklerkonferenz so wenig Spannendes für Entwickler verkündet wie selten. Klar, es gibt noch weitere Sessions auf der WWDC. Aber die Hauptkeynote war reduziert — und, das muss ich leider sagen, ziemlich langweilig.

Ein „Snow Leopard“-Jahr

Abgesehen von den AI-Themen — dazu gleich — hat Apple ein „Snow Leopard“-Jahr vorgestellt. Also: Softwarepflege. Die Betriebssysteme werden nicht mehr nacheinander präsentiert; die Funktionen, die sich über die Plattformen hinweg ohnehin überschneiden, zeigt Apple jetzt gemeinsam. Eine gute Entscheidung. Flotter wurde die Keynote dadurch leider trotzdem nicht.

Und ehrlich: Bis hierhin wäre ich glücklich. Wenn das alles so funktioniert, wie Apple es gezeigt hat, könnte ich mit einem Jahr Softwarepflege sehr (sehr) gut leben. Aber ich habe Zweifel. Denn die Energie floss nicht in die Pflege der Betriebssysteme. Sie floss in den Elefanten im Raum.

Siri AI — der Elefant im Raum

Apple hat eingesehen, dass die eigenen lokalen LLMs nicht im Geringsten mit der Konkurrenz mithalten können, und sich Google mit ins Boot geholt. Nicht die schlechteste Entscheidung. Denn was Siri bisher leistet, ist mehr als unterirdisch.

Das kann ich während der Fahrt leider nicht machen.

Das ist eine Antwort, die mir Siri neulich im CarPlay gab, als ich sie bat, mich zu einer Adresse zu navigieren. Das kannst du während der Fahrt nicht? Wann denn bitte sonst?

Wenn Siri AI so funktioniert wie vorgestellt, rückt Apple näher an Gemini & Co. heran. Aber auch nicht mehr als das. Google ist Apple weiter Jahre voraus — und es wird weitere Jahre dauern, bis Apple auch nur in die Nähe kommt.

Und dann ist da die EU

Hier ist völlig offen, ob wir überhaupt etwas von Siri AI sehen. Oder wann. Die vergangene Woche in ein paar Sätzen:

Es geht um DMA-Artikel 6(7). Drittanbieter wie Google Gemini oder ChatGPT müssten dieselben tiefen Systemzugriffe bekommen wie Siri AI selbst — Nachrichten, Dateien, App-übergreifende Aktionen. Apple schlug einen „Trusted System Agent“ (TSA) als Vermittlungsschicht vor und beantragte 18 Monate Ausnahmegenehmigung. Die EU lehnte ab.

Das Argument der EU, vorgetragen von Sprecher Thomas Regnier, ist unmissverständlich: „Absolut nichts im DMA verhindert, dass Apple neue Produkte einführt.“ Apple habe keine konforme Lösung eingereicht, sondern schlicht eine Ausnahme von seinen Pflichten gefordert. „EU-Recht ist nicht verhandelbar.“

Das Argument von Apple: Siri AI sei kein normaler Sprachassistent mehr — sie könne autonom handeln: Nachrichten senden, Dateien ändern, Einkäufe tätigen, Passwörter nutzen, App-übergreifend agieren. Eine Drittanbieter-KI mit demselben Systemzugriff wäre damit ein fundamentales Sicherheitsrisiko: Ein manipulierter externer Agent könnte dauerhaften Schaden anrichten, bevor der Nutzer es überhaupt bemerkt. Dazu die Datenschutzarchitektur — Siri AI läuft über On-Device-Processing und Private Cloud Compute (PCC), selbst Apple hat keinen Zugriff auf die verarbeiteten Daten. Diese Garantie kann Apple für fremde KIs schlicht nicht geben. Der TSA wäre genau der Kompromiss gewesen: sicherer, kontrollierter Zugriff ohne direkten Systemzugang. Die EU wertete ihn als bloßen Befreiungsantrag, nicht als echten Compliance-Plan.

Muss Apple überhaupt einlenken?

EU und China machen zusammen rund 40 % von Apples Umsatz aus. Apple mag Geld und will sicher nicht auf 40 % verzichten. Aber muss es das überhaupt?

Apples AI wurde bereits vor zwei Jahren angekündigt — und das iPhone 17 aus dem letzten Jahr verkauft sich trotzdem wie geschnitten Brot. Die Kunden wussten zum Kaufzeitpunkt, dass Apples AI nicht funktioniert. Es war ihnen egal. Langfristig trägt das wohl nicht. Aber einen kurz- oder mittelfristigen Schaden muss Apple durch den Ausschluss dieser Märkte auch nicht fürchten.

Apple versucht, sich mit dem Argument von mehr Daten- und Kundenschutz als edler Ritter zu inszenieren. Und liegt damit nicht einmal falsch — Apple scheint der letzte Tech-Konzern zu sein, dem diese Themen wirklich wichtig sind. Nur: Von der Hand zu weisen sind die Argumente der EU eben auch nicht. Und einlenken will hier ohnehin niemand.

Der Streit um Siri AI ist kein simpler Fall von „Regulierung vs. Innovation“. Er berührt grundsätzliche Fragen: Wie viel Kontrolle darf eine Plattform über ihre eigene KI behalten? Wer schützt die EU-Bürger — vor Marktmacht oder vor Datenmissbrauch? Apples technische Argumente (Datenschutz, Sicherheit bei agentischer KI) sind legitim und werden von unabhängigen Wissenschaftlern gestützt. Die rechtliche Sicht der EU (keine konforme Lösung, sondern ein Ausnahmeantrag) ist genauso substanziell.

Der Vertrauensbruch zwischen beiden Seiten ist tief. Solange Apple keinen DMA-konformen TSA vorlegt und die EU keine pragmatische Übergangsregelung findet, warten rund 450 Millionen EU-Nutzer weiter auf die KI-Funktionen, die der Rest der Welt längst nutzt. Und Samsung und Google? Verkaufen ihre Produkte derweil munter weiter — auch in der EU.

Was nun?

Hier würde normalerweise meine klare Meinung stehen. Die habe ich diesmal nicht — jedenfalls keine eindeutige. Denn ehrlicherweise verstehe ich beide Seiten.

Ich verstehe Apple: Eine agentische KI, die eigenständig Nachrichten schreibt, Dateien ändert und Einkäufe tätigt, mit fremden Anbietern denselben tiefen Systemzugriff zu teilen — das ist kein Sicherheitsversprechen, das man eben mal so nebenbei abgibt. Und ich verstehe die EU: Ein Konzern, der seine eigene KI bevorzugt und der Konkurrenz den gleichberechtigten Zugang verwehrt, ist genau das, was der DMA verhindern soll. Beide Seiten haben Argumente, die man nicht einfach wegwischen kann. Ich kann mich schlicht nicht entscheiden, wer hier mehr recht hat — und ich misstraue jedem, der das mit voller Überzeugung kann.

Eines aber weiß ich sicher: Es gibt einen Verlierer in dieser Debatte. Und das sind weder Apple noch die EU. Es sind die Kunden. 450 Millionen Menschen in der EU schauen zu, wie sich zwei Schwergewichte gegenseitig blockieren — und bekommen am Ende einfach nicht, was der Rest der Welt längst nutzt. Egal, wer am Ende „gewinnt“: Bezahlt haben es schon jetzt die, um die es angeblich geht.

Mein praktisches Resümee bleibt deshalb nüchtern: dieses Jahr keine Betas von Apple. Abwarten. Und auf ein Wunder hoffen.

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