Kriegsfilme kommen normalerweise hinterher. Manchmal ein paar Jahre, meistens Jahrzehnte. Der Krieg ist vorbei, die Deutung ist einigermaßen sortiert, und dann kommt Hollywood und macht ein Bild daraus. Das ist ein eingespieltes Verfahren — und es hat den angenehmen Nebeneffekt, dass niemand mehr stirbt, während wir zuschauen.

Am 2. August 2026 lief die erste Folge der dritten Staffel von „Lioness“. Taylor Sheridans Serie hat ihre CIA-Agentin bisher in den Nahen Osten und nach Mexiko geschickt. Diesmal wird sie an die Front bei Donetsk eingeschleust, in einen Tunnelkomplex unter den Stellungen, um einen russischen Offizier herauszuholen.
Also in einen Krieg, der noch läuft. Der lief, während ich das geschaut habe. Der läuft, während ich das schreibe.
Ich kann mich an keine fiktionale Serie erinnern, die das in dieser Form gemacht hätte.
Weltkrieg trifft Star Wars
Was man dann sieht, ist erstaunlich konsequent. Schützengräben, Schlamm, Mörsereinschläge — Bilder, die man aus Dokumentationen über 1916 kennt. Und darüber Hunderte Kamikaze-Drohnen, die den Himmel verdunkeln wie ein Heuschreckenschwarm.
This place, it’s like World War I and Star Wars slammed into each other.
Die Folge liefert die Beschreibung selbst mit. Ein CIA-Offizier sagt: „This place, it’s like World War I and Star Wars slammed into each other.“
Der Satz ist die halbe Miete. Er beschreibt nicht nur die Szene, er beschreibt diesen Krieg — archaischer Stellungskrieg und Hightech, gleichzeitig, am selben Ort. Kein Wunder, dass ihn die halbe Kritik zitiert hat.
Und die Gräben wurden tatsächlich ausgehoben. Laut Cast entstand das meiste mit praktischen Effekten auf echten Feldern, nicht am Rechner. Man sieht es.
Wie nah ist das dran?
Nah genug, um unangenehm zu sein. Aber nicht so nah, wie es sich anfühlt.
Auf X haben Leute mit militärischem Hintergrund die Folge auseinandergenommen, und ihre Punkte sind gut: Der Drohnenschwarm ist um Größenordnungen größer als alles, was tatsächlich eingesetzt wurde. Die Drohnen fliegen auffällig langsam — anders hätte das Team keine Chance, und die Szene wäre nach neunzig Sekunden vorbei. Die Soldaten bewegen sich viel zu dicht beieinander; in der Realität löscht eine einzige Drohne dann die ganze Gruppe aus. Und das Jamming, das die Serie zeigt, wäre inzwischen weitgehend wirkungslos, weil ein Großteil der Drohnen in der Ukraine über Glasfaserkabel gesteuert wird. Da hilft kein Störsender.
Bleibt: Die Dynamik stimmt, die Details sind dramaturgisch aufgehübscht. Das ist das übliche Muster, wenn Fernsehen auf Fachpublikum trifft — nur dass die Fachleute hier über etwas reden, das diese Woche stattfindet.
Darf man das?
Das war mein erster Reflex: Da kämpfen gerade Menschen, und Hollywood verwurstet das als Actionkulisse. Muss das sein?
Die Serie selbst scheint die Frage zu ahnen. Sheridan lässt seine Hauptfigur nach dem Einsatz sagen: „We just killed a bunch of people for a chess piece in a war that has nothing to do with us.“ Das ist keine Nebenbemerkung. Das ist die Kritik am eigenen Stoff, eingebaut ins Drehbuch. Ein Kritiker nennt es trotzdem Ragebaiting — kann sein. Beides schließt sich nicht aus.
Inzwischen bin ich woanders gelandet. Dieser Krieg läuft seit Jahren in der Tagesschau, jeden Abend, irgendwo zwischen Innenpolitik und Wetter. Und genau das ist das Problem: Er ist Routine geworden. Frontverlauf, Zahlen, ein Statement, weiter. Ich merke das an mir selbst.
Eine gut gemachte Serie kann etwas, das die Nachrichtenbilder nicht können. Sie zwingt einen für vierzig Minuten in die Perspektive von jemandem, der da unten liegt, während der Himmel voller Drohnen ist. Ein Reddit-Kommentar bringt es auf den Punkt: „one of those episodes that actually hits you in your core with how real and raw it is.“
Das ist Fiktion. Und eben nicht. Der Ort ist echt, der Krieg ist echt, die Waffen sind echt, die Angst ist die von Leuten, die es wirklich gibt. Nicht mal 2000 Kilometer von hier entfernt.
Wenn ein Actionformat es schafft, dass dieser Krieg für einen Abend wieder etwas ist, das einem naheliegt statt zwischen Sendeblöcken durchzurutschen — dann nehme ich das. Auch mit übertriebenen Drohnenschwärmen.
Zwei Tage später
In der Nacht vom 4. auf den 5. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine Drohne gefunden. Beladen mit PETN und Semtex, direkt neben ukrainischen Antonow-Frachtmaschinen. Der Zünder löste nicht aus — weil er abriss, als ein Flughafenmitarbeiter die Drohne fand. So knapp war das.
Zwei Tage nach der Veröffentlichung der Episode.
Innenminister Dobrindt nannte es ein „hybrides Anschlagsszenario“ und eine „neue Gefahrenqualität“, ohne zunächst jemanden zu benennen. US-Dienste sollen inzwischen zu dem Schluss gekommen sein, dass die Drohne wahrscheinlich einem russischen Geheimdienst zuzurechnen ist (naja, Dänemark wird es wohl nicht gewesen sein…). Die russische Botschaft nennt das eine Provokation. Die Bundesanwaltschaft ermittelt.
Man muss die beiden Dinge nicht künstlich zusammenbinden. Sie liegen einfach zwei Tage auseinander.
Was nun?
Die Debatte, die danach losging, dreht sich um Drohnenabwehr. Also: Wie schießen wir die Dinger vom Himmel?
Ich glaube, das ist die falsche erste Frage. Wir können nicht ganz Deutschland unter ein Netz spannen. Jeder Flughafen, jedes Umspannwerk, jedes Bahnbetriebswerk, jede Kaserne — das ist keine Aufgabe, die man mit Technik löst, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Dazu kommt ein Zuständigkeitsgeflecht aus Landespolizei, Bundespolizei und Bundeswehr, das ein Grünen-Politiker treffend ein „diffuses Zuständigkeitsnetz“ nennt. Ein neues Forschungszentrum wurde angekündigt. Ein Zentrum, das koordiniert, gibt es bereits.
Interessanter finde ich einen Punkt aus einem Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags: Für die Frage, was die Bundeswehr überhaupt darf, ist nicht entscheidend, wo die Bedrohung auftaucht — sondern wem sie zuzurechnen ist. Attribution.
Und da liegt das eigentliche Loch. Solange wir „mutmaßlich Russland“ sagen müssen, ist jede Reaktion ein Vorbehalt. Man kann auf einen Verdacht keine Konsequenz stapeln. Wer den Absender nicht sauber benennen kann, hat auch keine Abschreckung — und Abschreckung ist der einzige Schutz, der flächendeckend funktioniert.
Also: forensische und geheimdienstliche Aufklärung zuerst. Herkunft, Beschaffungswege, wer die Drohne gebaut, gekauft, transportiert, gestartet hat. Das ist unspektakuläre Arbeit, für die niemand ein Forschungszentrum eröffnet.
Aber sie ist der Unterschied zwischen einem Vorfall und einem Täter.
Und bis dahin schauen wir uns die Sache als Serie an — im beruhigenden Wissen, dass spätestens im Staffelfinale die meisten Handlungsstränge sauber aufgelöst sein werden. So ist das Format nun mal gebaut.
Bleibt die Frage, wann die Staffel in der Realität endet.




