In The Big Bang Theory gibt es ein Spiel, das Sheldon und Amy mit großem Ernst spielen: „Counterfactuals“. Man stellt eine hypothetische Frage — und beantwortet sie streng logisch, als wäre die irreale Annahme wahr. Genau das mache ich hier ab jetzt regelmäßig: eine Annahme, die (noch) nicht stimmt, konsequent zu Ende denken. Kontrafaktisches Konditional eben.
Den Anfang macht eine Frage, die mich als Entwickler nicht loslässt: Was wäre, wenn Deutschland seine Gesetze so verwalten würde, wie ich meinen Code verwalte? Versioniert. Mit Diffs, Pull Requests, Issues. Auf GitHub.

Das Experiment läuft längst — irgendwie
Bevor wir spekulieren, ein überraschender Fakt: Es existiert schon, zumindest in Ansätzen. Der Open-Data-Aktivist Stefan Wehrmeyer lud 2012 alle deutschen Bundesgesetze als Markdown-Dateien in ein öffentliches GitHub-Repository — bekannt als BundesGit. Jede Gesetzesfassung als Commit, Pull Requests willkommen. „Natürlich werden nur solche gemergt, die tatsächlich vom Bundestag verabschiedet wurden.“ Das Projekt DocPatch versioniert das Grundgesetz sogar seit 1949, und der Verein Digitale Gesellschaft reichte einen Gesetzentwurf einmal allen Ernstes als Pull Request ein.
Die Idee ist also nicht neu. Schon Clay Shirky fragte 2012 in einem vielzitierten TED-Talk: Die Open-Source-Welt hat gelernt, mit einer Flut divergierender Ideen umzugehen — mit GitHub. Warum können Regierungen das nicht?
Wie das aussähe
Das Modell ist schnell skizziert: Jedes Gesetz ist eine Datei, maschinen- und menschenlesbar. Jede Änderung ein Commit mit Autor, Zeitstempel, Begründung und einem Diff, der auf den Satz genau zeigt, was sich geändert hat. Gesetzesinitiativen wären Pull Requests, Gesetzeslücken und Widersprüche öffentliche Issues, konkurrierende Parteientwürfe schlicht Forks. Gerichte würden nicht mehr unklare Fassungsdaten zitieren, sondern einen konkreten Commit.
Wo es glänzen würde
Der stärkste Punkt ist Transparenz. Heute ist sie formal da, praktisch aber mühsam — man vergleicht Fassungen von Hand. Ein Diff zeigt in Sekunden, was sich geändert hat. Der Normenkontrollrat bemängelt regelmäßig, dass Gesetze unter zu hohem Zeitdruck und mit handwerklichen Fehlern entstehen. Eine öffentliche Commit-History würde den Druck erhöhen, sauberer zu arbeiten.
Dazu Bürgerbeteiligung, die über change.org-Petitionen hinausgeht. Finnland erarbeitete 2014 das gleichgeschlechtliche Ehe-Gesetz per Crowdsourcing, Estland generierte mit seinem „Rahvakogu“ in drei Wochen über 2.000 Vorschläge. Statt „bitte ändert das“ hieße es: „§ 475 BGB widerspricht § 241 BGB — hier ist mein Diff.“
Und der vielleicht explosivste Punkt: KI als Rechtsanwalt für alle. Maschinenlesbare, versionierte Gesetze sind die Voraussetzung für KI, die nicht halluziniert, sondern aus klaren Regelwerken ableitet. Die Bundesregierung hat „Law as Code“ inzwischen sogar in ihre Modernisierungsagenda geschrieben. Widersprüche zwischen Gesetzen ließen sich automatisch finden. Das klingt verlockend.
Wo es scheitern würde
Und jetzt kommt der Teil, an dem das Gedankenexperiment unbequem wird.
Das Legitimitätsproblem. Island ließ 2011 einen Rat aus 25 normalen Bürgern per Facebook und Twitter eine neue Verfassung schreiben. 66 % stimmten dafür. Dann legte das Parlament das Projekt aus politischen Gründen auf Eis — bis heute ist die Verfassung nicht in Kraft. Die Lehre: Technische Transparenz löst das Machtproblem nicht. Gesetze entstehen nicht durch die besten Pull Requests, sondern durch Mehrheiten und Verhandlungen. Wer entscheidet, was gemergt wird? Im Staat wäre das weiter das Parlament. GitHub macht die Macht nur sichtbarer, nicht anders.
Die Tyrannei der Lautesten. Ein öffentlicher Issue-Tracker für Gesetze würde dieselbe Dynamik entfalten wie Twitter: Gut organisierte Interessengruppen fluten Debatten — nicht weil ihre Argumente besser sind, sondern weil sie koordinierter sind. Und Minderheiten wären strukturell im Nachteil. Nicht umsonst entzieht das Grundgesetz mit der Ewigkeitsklausel (Art. 79 Abs. 3) bestimmte Grundrechte dem Zugriff von Mehrheiten. Das müsste man technisch erst mal abbilden.
Die Komplexitätsfalle. Gesetze sind kein Code. Code ist deterministisch — korrekt oder kaputt. Ein Gesetz führt eine Gesellschaft, seine Wirkung ist emergent und oft erst Jahre später erkennbar. Es referenziert Dutzende andere Gesetze, EU-Recht, Rechtsprechung — und ändert seine Bedeutung manchmal, ohne dass sich ein einziges Byte ändert. Ein Diff zeigt den Eingriff in den Text. Er zeigt nicht die Folgen.
Dazu die digitale Spaltung (Bürger mit GitHub-Account und Zeit gegen alle anderen) und die Sicherheitsfrage. Denn der Unterschied ist fundamental: Ein manipulierter Pull Request in Linux kostet einen Hotfix. Ein manipuliertes Gesetz kann Grundrechte kosten.
Zu Ende gedacht: Deutschland 2035
Wenn man das Spiel ehrlich spielt, muss man beide Enden denken.
Bestes Szenario — die digitale Agora. Alle 1.800 Bundesgesetze liegen versioniert in einem staatlichen GitLab. Jeder Bürger öffnet per eID Issues, Fachexperten und Ministerien arbeiten öffentlich, ein KI-System prüft jeden Entwurf automatisch gegen den Bestand und gegen EU-Recht. Die Gesetzgebung wird schneller und sauberer, Datenjournalisten tracken jeden Commit eines Ministeriums.
Schlechtestes Szenario — die Lobby-Spielwiese. Das System wird zur Bühne gut organisierter Gruppen. Die Automobilindustrie hat 50 Leute, die nichts anderes tun, als Issues zu kommentieren. Der politische Diskurs verlagert sich in GitHub-Kommentarspalten — auf noch niedrigerem Niveau als Twitter. Und irgendwo hat ein ausländischer Akteur einen subtilen Typo in § 94 StGB eingefügt, der die Spionagedefinition verändert. Unbemerkt. Monatelang.
Was nun?
Das Spiel ist gespielt, und das Ergebnis ist — wie so oft — kein klares Ja oder Nein. Git-Mechanismen für Gesetze wären transformativ. Aber nicht als Ersatz fürs Parlament, sondern als technische Schicht darunter.
Sinnvoll wäre die maschinenlesbare Versionierung aller Gesetze, ein öffentlicher Issue-Tracker für Lücken, Pull Requests von Fachinstitutionen, KI-gestützte Konsistenzprüfung. Nicht sinnvoll wären bindende Abstimmungen per GitHub. Bemerkenswert: Genau diesen Weg geht die Bundesregierung mit „Law as Code“ 2026 — als maschinenlesbare Verwaltungsinfrastruktur, nicht als direktdemokratisches Instrument. Die ernüchternde, aber realistische Antwort auf das Gedankenexperiment.
Das Werkzeug des Programmierers ist eben nicht das Werkzeug des Demokraten. Die Denkweise des Programmierers aber — iterativ, transparent, dokumentiert, testbar — täte der Gesetzgebung gut. Vielleicht ist die richtige Frage gar nicht „Gesetze auf GitHub?“.
Sondern: Was könnten Gesetzgeber von der Art lernen, wie gute Software-Teams arbeiten? Die Antwort ist weniger spektakulär als ein Repository fürs BGB. Aber vermutlich deutlich wirksamer.

