Ich spiele in dieser Reihe „Counterfactuals“ — das Spiel, das Sheldon und Amy in The Big Bang Theory mit einem Ernst spielen, der dem Format vollkommen angemessen ist: eine Annahme, die nicht zutrifft, so behandeln, als wäre sie wahr, und sie streng zu Ende denken.
Diesmal eine, die im Juni angefangen hat, mich ernsthaft zu beschäftigen: Was wäre, wenn wir ein amerikanisches KI-Labor einfach einladen? Anthropic zum Beispiel. Server nach Island — günstiger Strom, viel Platz, kalte Luft. Europäisches Recht, europäische Aufsicht, raus aus dem Zugriff von Washington.
Es klingt beim ersten Denken hervorragend. Für beide Seiten. Genau deshalb lohnt es sich, weiter zu denken als bis zum ersten Denken.

Der Anruf aus Washington
Der Anlass ist real und noch keine zwei Monate alt. Im Juni 2026 ordnete die US-Regierung unter Berufung auf die nationale Sicherheit an, dass Anthropic den Zugang zu seinen fortschrittlichsten Modellen — Fable 5 und Mythos 5 — für alle ausländischen Staatsangehörigen sperren muss. Nicht nur für Kunden in Problemstaaten. Für alle Ausländer, einschließlich der eigenen Anthropic-Mitarbeiter außerhalb der USA. Die New York Times nannte die Anordnung „ungewöhnlich weitreichend“; betroffen wären selbst Nutzer in Kanada und Großbritannien gewesen.
Nach Wochen der Verhandlung nahm das Handelsministerium die Exportlizenzpflicht Ende Juni zurück — nachdem Anthropic zugesagt hatte, Sicherheitsrisiken proaktiver zu adressieren und enger mit der Regierung zusammenzuarbeiten. Kurz darauf traf es OpenAI nach demselben Muster: Das Weiße Haus verlangte, den Rollout von GPT-5.6 auf einen kleinen Kreis vorab genehmigter Partner zu beschränken, bevor das Modell Anfang Juli doch breiter freigegeben wurde.
US-Insider nennen diese Serie von Ad-hoc-Eingriffen inzwischen selbst ein „de facto involuntary licensing regime“ — eine faktische Lizenzpflicht ohne klare Standards, dafür mit Verhandlungsspielraum. Aus europäischer Sicht wurde daraus schnell ein Kommentar-Genre: Das kurzzeitige Anthropic-Verbot habe Europas KI-Abhängigkeit „unmöglich zu ignorieren“ gemacht.
Da ist der Kern echt. Das ist kein Regulierungsdetail, das ist ein strategisches Risiko.
Warum ich das nicht nur interessant finde
Ich baue eine Logistik-Software. Nicht „mit KI-Feature“ — ich baue sie mit Claude, jeden Tag, seit Monaten. Ohne wäre es als 1-Mann-Projekt auch nicht machbar. Und ich sitze im Hauptjob auf der anderen Seite: Disposition und Datenschutz, also der, der bei so etwas genau hinsehen muss.
Im Juni bedeutete diese Anordnung in ihrer ursprünglichen Fassung: Das Werkzeug, mit dem ich arbeite, hätte für mich abgeschaltet werden können. Nicht weil ich etwas falsch gemacht hätte. Weil ich Deutscher bin.
Und jetzt kommt der Satz, an dem das Gedankenexperiment für mich anfängt: Während dieses Verbot lief, liefen Claude-Modelle in Palantirs Maven-Plattform weiter — der US-Verteidigungsinfrastruktur. Das Verbot galt für mich. Nicht fürs Pentagon.
Das ist keine Verschwörung, das ist einfach die Logik von Exportkontrolle. Aber es klärt die Machtfrage sehr schnell.
Das Angebot
Also formulieren wir die Einladung. Sie hätte drei Stufen, und die zu unterscheiden ist der ganze Trick.
Stufe eins: die Bleche. Rechenzentren in Europa, gern in Island. Inferenz läuft hier, Daten bleiben hier.
Stufe zwei: die Hülle. Eine europäische Gesellschaft mit eigener Geschäftsführung, europäischem Gerichtsstand, europäischer Aufsicht als Ansprechpartner.
Stufe drei: die Substanz. Rechtssitz, Modellgewichte, Forschung. Also das Unternehmen.
Bei Stufe eins ist Island übrigens ein ausgezeichneter Vorschlag, und zwar nicht theoretisch. Opera hat 2024 in Keflavík einen KI-Cluster mit Nvidia-DGX-SuperPOD in Betrieb genommen, vollständig mit grüner Energie. Crusoe und atNorth haben dort ein Rechenzentrum mit GB200-NVL72-Hardware ausgebaut, 57 MW, gespeist aus Geothermie und Wasserkraft. Nscale und Verne bauen für 2026 eine 15-MW-Erweiterung mit rund 4.600 Blackwell-Ultra-GPUs.
Der Standortvorteil ist also kein Wunschdenken, sondern belegt: billige erneuerbare Energie, natürliche Kühlung, Platz. Man muss Island nicht überzeugen. Man muss nur bemerken, dass dort schon gebaut wird — nur eben nicht von Anthropic.
Ein Detail, das die ursprüngliche Idee allerdings umdreht: Island ist nicht in der EU. Es ist über den EWR assoziiert, unterliegt damit weitgehend europäischer Digitalregulierung — DSGVO, in Teilen der AI Act. Wer nach Island geht, entkommt also Washington nicht, weil er nicht aus der US-Jurisdiktion herauskommt. Und Brüssel entkommt er auch nicht. Beide Enden der erhofften Regulierungsarbitrage schließen sich.
Wo es glänzen würde
Das Beste an dieser Einladung ist, dass Europa sie tatsächlich aussprechen könnte, und zwar mit Geld dahinter. Die Kommission hat im Juni 2026 ein „Tech Sovereignty Package“ vorgelegt: Chips Act 2.0, ein Cloud and AI Development Act mit „Datacenter Acceleration Zones“ in jedem Mitgliedstaat, beschleunigte Genehmigungen, dazu InvestAI mit einem Zielvolumen von 200 Milliarden Euro und das EuroStack-Konzept.
Das ist keine Absichtserklärung, das ist eine Werkzeugkiste. Fördermittel, Genehmigungen, Energie-Anbindung — wenn Europa jemanden ansiedeln will, kann es das.
Der zweite starke Punkt: Es gäbe endlich etwas zu verlieren für die andere Seite. Solange die gesamte Wertschöpfung in Kalifornien liegt, ist eine europäische Beschwerde ein Brief. Wenn ein relevanter Teil der Rechenkapazität hier steht, ist sie ein Argument.
Und drittens, ganz nüchtern: Für alles, was mit Personendaten arbeitet — Verwaltung, Gesundheit, Personal, Speditionsdaten samt Fahrer- und Kundendaten — wäre die Datenschutzfrage in zwei Sätzen erledigt statt in fünfzehn. Ich kenne genug Projekte, die nicht an Technik gescheitert sind, sondern an einer Zeile im Auftragsverarbeitungsvertrag.
Wo es scheitern würde
Und jetzt der Teil, an dem das Spiel unbequem wird.
Die Bleche sind nicht das Problem. Anthropics Kapital, Cloud-Partnerschaften und größter Absatzmarkt sind amerikanisch. Ein Sitzwechsel müsste Vertragsbeziehungen, Steuerstrukturen und Investorenrechte neu verhandeln — enormer Aufwand ohne zwingenden Vorteil, solange die USA der größte Markt bleiben. Stufe eins ist ein Bauprojekt. Stufe drei ist eine Firmenspaltung.
Die Chips kommen weiter von dort. Ein Umzug verbessert den Chip-Zugang nicht: Die meisten EU-Staaten haben bereits uneingeschränkten Zugang zu High-End-Nvidia-Hardware. Umgekehrt gilt aber — wollte Washington ein abgewandertes Unternehmen treffen, würde es genau hier ansetzen. Rechenkapazität in Europa, deren Nachschub in Amerika entschieden wird, ist kein Fluchtweg. Das ist ein Insolvenzrisiko mit Aussicht.
Die Verflechtung ist der Geschäftszweck. Maven war kein Zufall. Anthropics Modelle stecken tief in US-Regierungs- und Verteidigungsinfrastruktur. Ein Umzug nach Europa würde genau die Beziehung kappen, die einen erheblichen Teil des Geschäfts und des politischen Schutzes ausmacht. Man kann nicht gleichzeitig Washingtons Lieferant und Washingtons Emigrant sein.
Und dann unser eigener Widerspruch. Eine spieltheoretische Betrachtung der EU-KI-Regulierung kommt zu einem unangenehmen Ergebnis: Strenge Regulierung ist für die EU nur dann rational, wenn sie ausländische Anbieter stärker belastet als heimische. Genau das ist der AI Act — Kritiker beziffern die Belastung der europäischen Industrie auf bis zu 31 Milliarden Euro, und das sind die, die hier sitzen. Wir bauen also gleichzeitig einen Schutzwall und schreiben eine Einladung. Beides an dieselbe Adresse.
200 Milliarden Anreiz, 31 Milliarden Bürde, eine Regulierung, deren strategischer Sinn darin besteht, den Eingeladenen mehr zu kosten als uns. Man muss kein Vorstand sein, um diesen Brief zweimal zu lesen.
Zu Ende gedacht: 2032
Bestes Szenario — der zweite Standort. „Anthropic Europe“ ist mehr als ein Schild: eigene Rechenzentren in Island und Nordeuropa, europäische Gesellschaft, ein Teil der Forschung hier, geprüfte Zusicherungen statt zugesicherter Prüfungen. Der nächste Anruf aus Washington trifft dann nicht mehr die Weltversorgung, sondern eine Firma mit zwei Beinen — und ein europäischer Mittelständler erfährt aus der Zeitung davon statt aus einer Fehlermeldung. Nebeneffekt: Die 200 Milliarden landen in Infrastruktur, die auch ein europäisches Labor nutzen kann. Mistral inklusive.
Schlechtestes Szenario — die Fahne am Rechenzentrum. „Anthropic Europe“ ist eine Vertriebs- und Compliance-Hülle mit vierzig Leuten. Das Rechenzentrum steht in Keflavík, die Gewichte liegen in Amerika, der Support-Zugriff läuft über eine Ausnahme im Kleingedruckten. Europa hält sich für souverän und ist es weniger als vorher, weil die Debatte als gewonnen gilt. Europäisches Fördergeld ist in Anlagen geflossen, die einem US-Konzern gehören, der heimische Wettbewerber hat Marktanteile an einen Anbieter verloren, den wir selbst hergeholt haben — und beim nächsten Anruf aus Washington schaltet sich dieselbe Kapazität mit demselben Formular ab. Nur diesmal mit unserem Geld darin.
Zwischen diesen Enden liegt kein technischer Unterschied. Es liegt nur die Frage dazwischen, ob wir prüfen oder ob wir glauben.
Was nun?
Das Spiel ist gespielt, und wie beim letzten Mal komme ich nicht bei Ja oder Nein heraus. Ich hätte Anthropic gern hier — ich benutze das Ding jeden Tag und halte es für das beste Werkzeug, das ich je hatte. Und ich sehe gleichzeitig, dass wir kein Druckmittel für Stufe drei haben und jeden Anreiz, uns mit Stufe eins zufriedenzugeben und sie Souveränität zu nennen.
Realistisch ist ohnehin das, was gerade passiert: souveräne Cloud-Angebote, EU-Datenverarbeitung, europäische Töchter mit eigenen Rechenzentren, verhandelte Infrastrukturpartnerschaften. Nicht der symbolische Umzug, sondern die schrittweise Diversifizierung. Das stärkt Europas Position ein Stück — ohne dass irgendwer den USA den Rücken kehrt.
Bei einer Sache bin ich mir aber sicher: Wenn das schiefgeht, zahlt es nicht Anthropic. Es zahlt der Mittelständler, dessen Betrieb an einem Werkzeug hängt, über dessen Verfügbarkeit in einem Ministerium entschieden wird, in dem er nicht vorkommt. Im Juni war das für ein paar Wochen keine Theorie.
Vielleicht ist die Einladung deshalb das falsche Instrument. Man lädt ein, wenn man etwas hat, das der andere will. Wir haben Strom, Platz, kalte Luft und 200 Milliarden auf Papier — und eine Regulierung, deren Zweck es ist, dem Gast teurer zu sein als uns.
Die bessere Frage ist also nicht, wen wir einladen.
Sondern: Was ist eigentlich unser Angebot — außer Regeln?


