Vertrauen in die Politik zurückgewinnen: Was die Parteien der Mitte jetzt tun müssen
Die Zahlen sind brutal. 26 Prozent für die AfD, erstmals vor der CDU/CSU.[1] Nur noch 32 Prozent der Deutschen vertrauen den politischen Parteien.[2] Friedrich Merz‘ schwarz-rote Regierung erreicht nach vier Monaten historisch schlechte 22 Prozent Zustimmung.[3] Zeit für einen Reality-Check.
Der Herbst der Reformen? Eher ein Indian Summer der Ankündigungen
Merz hat den „Herbst der Reformen“ versprochen. Wir haben jetzt Herbst. Aber wo sind die spürbaren Reformen? Die Bürger sehen vor allem eines: viel Rhetorik, wenig Substanz. Das ist gefährlich, denn die Menschen haben längst keine Lust mehr auf leere Worthülsen.
Eine Bertelsmann-Studie zeigt es deutlich: Die Menschen fühlen sich von etablierten Parteien nicht mehr verstanden.[4] Das ist der Kern des Problems. Es geht nicht mehr um Links oder Rechts. Es geht um Kompetenz versus Inkompetenz.
Was andere Länder falsch gemacht haben
Der Blick ins Ausland ist ernüchternd. Ungarn, Italien, die Niederlande – überall das gleiche Muster. Wilders gewann in den Niederlanden, weil die VVD plötzlich eine Koalition mit der PVV nicht mehr kategorisch ausschloss. „Die Wähler wollen das Original und nicht die Kopie“ – das gilt europaweit.
Trump in den USA, Meloni in Italien, Orbán in Ungarn: Sie alle profitierten davon, dass etablierte Parteien ihre Themen übernahmen, aber dabei wie schlechte Nachahmer wirkten. Die Lesson learned? Anbiederung funktioniert nicht.
Die fatale deutsche Strategie
Ich habe bereits darüber geschrieben: Das Aufgreifen von AfD-Themen stärkt die AfD. Wenn die CDU plötzlich über Migration redet wie die AfD, legitimiert sie diese Positionen. Das Overton-Fenster verschiebt sich kontinuierlich nach rechts. Begriffe wie „Remigration“ galten vor wenigen Jahren als rechtsextrem. Heute diskutiert man sie in Talkshows. Diese Normalisierung ist Gift für die Demokratie.
Der Merkel-Merz-Vergleich: Ein Desaster
Die Zahlen sprechen Bände. Merz erreicht nach vier Monaten im Amt nur 22 Prozent Zufriedenheit – die Ampel hatte zum gleichen Zeitpunkt 47 Prozent.[5] Von 45 Prozent persönlicher Zustimmung im Juni stürzte Merz auf 23 Prozent im September ab.[6] 67 Prozent der Deutschen halten ihn für nicht vertrauenswürdig.
Merkel hingegen konnte trotz 16 Jahren Amtszeit mit hohen Zustimmungswerten abtreten. Selbst in schwierigen Zeiten lag die Union konstant über 30 Prozent. Der Kontrast könnte nicht größer sein.
Was jetzt getan werden muss
Erstens: Echte Problemlösungskompetenz demonstrieren. Die Menschen wollen keine Ankündigungen mehr. Sie wollen Ergebnisse. Bürokratieabbau? Dann macht es. Digitalisierung? Dann liefert. Wohnungsnot? Dann baut.
Zweitens: Eigene Themen setzen. Hört auf, AfD-Themen zu übernehmen (siehe auch hier: Die Paradoxie der Mitte – warum AFD Themen übernehmen gefährlich ist). Setzt die Agenda selbst. Redet über Zukunftsinvestitionen, über Innovation, über echte Lösungen für echte Probleme.
Drittens: Bürgernähe ohne Populismus. Die Bertelsmann-Studie zeigt: Die Menschen sind bereit für pragmatische Lösungen. Nutzt das.
Viertens: Direkte Kommunikation. Redet wie normale Menschen. Keine Politikersprache mehr. Aber auch keine populistischen Vereinfachungen.
Der Realitätscheck
Die Zeit drängt. Bei 22 Prozent Zufriedenheit nach vier Monaten und der AfD auf Rekordkurs haben die etablierten Parteien nur noch ein schmales Zeitfenster. Ein „Weiter so“ ist keine Option.
Die niederländische Erfahrung zeigt: Öffnung gegenüber Populisten stärkt diese nur. Die Wähler wollen das Original, nicht die Kopie. Also bleibt nur eines: Authentisch eigene Lösungen entwickeln und umsetzen.
Es geht nicht mehr um Links oder Rechts. Es geht um glaubwürdig oder unglaubwürdig. Um kompetent oder inkompetent. Um nah dran oder abgehoben.
Die Demokratie in Deutschland steht vor ihrer größten Bewährungsprobe. Die etablierten Parteien können sie bestehen – aber nur, wenn sie endlich liefern statt nur zu reden.
Quellen
[1] RTL/ntv-Trendbarometer (Forsa), August 2025: https://www.telepolis.de/features/AfD-ueberholt-Union-in-erster-Umfrage-Merz-Albtraum-wird-Realitaet-10519313.html
[2] Eurobarometer der Europäischen Kommission, Herbst 2024: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/153820/umfrage/allgemeines-vertrauen-in-die-parteien/
[3] ARD-Deutschlandtrend, September 2025: https://germany.news-pravda.com/germany/2025/09/04/152337.html
[4] Bertelsmann Stiftung – Studie „Schwindendes Vertrauen in Politik und Parteien“: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/schwindendes-vertrauen-in-politik-und-parteien
[5] Vergleich Merz-Regierung mit Ampel-Koalition nach vier Monaten: https://germany.news-pravda.com/germany/2025/09/04/152337.html
[6] Entwicklung Merz-Zustimmungswerte Juni-September 2025: https://www.telepolis.de/features/AfD-ueberholt-Union-in-erster-Umfrage-Merz-Albtraum-wird-Realitaet-10519313.html
